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Die Vermessung des Menschen

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität.

Der Sturm ist rum und ab heute geht es wieder beschleunigt in den Tag. Man hat schließlich aufzuholen, was man versäumt hat. Oder muss man vielleicht gar nicht so viel aufholen, weil sich manches von selbst erledigt hat? Oder weil andere es in der Zwischenzeit genauso gut erledigt haben? Oder weil es sich im Nachhinein als gar nicht wichtig herausgestellt hat?

Post Sabine

Das wäre doch eine nette Post-Sabine-Übung. Überschlagen wir kurz, was wir von gestern nicht aufholen müssen oder was wir uns gespart haben, weil der Flieger oder die Bahn nicht ging und rechnen es in potenziell arbeitsfreie Zeit um. Zeit, die wir zum Beispiel mit Nachdenken, einem Spaziergang oder mit unserer Familie verbringen könnten. Natürlich ist das eine müßige Übung. Im Zweifel schlägt nämlich Parkinson’s Gesetz zu: "work expands so as to fill the time available for its completion". Deshalb gilt auch: Wenn Sie die Zeit nach 18 Uhr prinzipiell als Besprechungszeit eingeplant haben, dann findet sich schon jemand oder etwas, das besprochen werden möchte. Und so bleibt uns vielleicht nur die Hoffnung auf den nächsten Sturm oder den Ausbruch eines isländischen Vulkans mit einem unaussprechlichen Namen.

Heute geht es um das, was wir nicht sehen. Oder um die, von denen wir nur einen kleinen Ausschnitt sehen. Es geht um Kolleginnen und Kollegen. Oder für die, die sich auf der Karriereleiter befinden: es geht um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Kurz: es geht um Menschen. Es geht um Menschen und ein klein wenig um den Versuch, diese Menschen zu vermessen, zu wiegen und zu wägen, mit dem Ziel daraus bessere zu machen. Aber bessere „was“ eigentlich? Bessere Menschen? – Kaum. Es geht um bessere „Leister“ oder wie wir heute sagen: es geht um bessere „Performer“! Eigentlich geht es aber darum, was wir bei diesem kurzsichtigen Versuch des Vermessens und dem, was wir daraus machen, vergessen und verpassen.

Ein buntes Panini-Album

Von Zeit zu Zeit moderiere und unterstütze ich bei einem Training für Top-Führungskräfte. Weil wir uns nicht viel Zeit nehmen können für eine Vorstellung, tauschen wir da untereinander so etwas wie Panini-Bilder aus. Für das Album, in das diese Bilder eingeklebt werden, fragen wir auch nach einem „Geheimnis“, das Kolleginnen und Kollegen nicht kennen. Manche Antworten sind ein wenig ausweichend, wie „Die Natur des Geheimnisses ist, dass es ein Geheimnis bleibt“, aber die allermeisten Antworten sind genauso überraschend wie schön.

Ich erinnere mich an eine Managerin, die als Kind auf dem Schoß einer Premierministerin gespielt hat; eine andere, die im olympischen Gymnastikteam ihres Landes um Medaillen gekämpft hat; einen Vorstand, der sein Land bei Olympia im Zehnkampf vertreten hat. Ich erinnere mich an einen sehr senioren Strategieberater, der passioniert Trompete spielt; überhaupt: alle Arten von Sportlern und Musikern. Aber auch einen Fliegenfischer, einen Opernblogger, einen Sammler von Tier-Krawatten.

Schauen wir uns einmal um. Wer sind die Menschen, mit denen wir tagtäglich so viel Zeit verbringen?

Ich hatte einmal eine Kollegin, die sich schwertat in dem recht kompetitiven Umfeld, an dem ich damals selbst nicht unschuldig war. Sie galt als schwierig einsetzbar und hatte erst begonnen, sich ihr neues Aufgabenfeld zu erschließen. Als wir miteinander sprachen, stellte sich heraus, dass sie sich in einer ganz schwierigen Situation befand und wie eine Löwin und quasi alleine kämpfte, ihren Kindern eine gute Zukunft im deutschen Schulsystem zu ermöglichen. Da stellten sich die vermeintlichen Performanceprobleme auf einmal als nicht nur fast unbedeutend dar, auf dieser Vertrauensbasis war es auch leicht möglich, eine Lösung zu finden.

Schicksale

Erstaunlich oft haben wir nicht einmal Bewusstsein über die echten Schicksalsschläge, die die treffen, mit denen wir so viele Stunden im Büro verbringen. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der nach längerer Krankheit bei mir im Büro stand und nach einem Plausch über meine Probleme mit der Hotline, die er eingeführt hatte, das Handy herausholte, um mein Problem zu lösen. Kurz darauf hatte er seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Es war sein Abschiedsbesuch gewesen. Und ich war nicht einmal von meinem Schreibtisch aufgestanden.

Die Annahme, dass solche Schicksalsschläge immer komplett zerstörerisch wirken, ist auch falsch. Ich kenne „Top-Performer“, die chronischen Krebs haben oder deren Kinder mit unheilbaren Krankheiten kämpfen. Aber allein das Wort „Top-Performer“ klingt vor so einem Hintergrund irgendwie surreal, fast zynisch. Und ich frage mich, welche Seiten wir in diesen Menschen nicht sehen und was uns und ihnen da verloren geht.

Das Schöne und Gute

Noch öfter ist es natürlich auch das Schöne und Gute, das uns entgeht. Der Bereichsleiter, der in seiner Freizeit Mountainbike-Kurse gibt, die Projektleiterin, die den schwarzen Gürtel im Taekwondo hat, den Teamleiter, der Ultramarathon läuft, die Musiker, Sportler oder die sozial Engagierten, die ihr Können nicht nur für sich selbst pflegen, sondern begeistert mit anderen teilen und es weitergeben. Ich kämpfe an dieser Stelle immer mit den Mustern des sogenannten „Change Managements“, die Bilder von Menschen schnitzen, die in ihrem Innersten träge und veränderungsunwillig sein sollen und eigentlich nur durch Druck, Dringlichkeit und vielleicht Geld zu motivieren wären. Irgendwie, denke ich, scheinen wir da etwas zu verpassen in dieser Lücke zwischen Arbeit und dem großen Rest des Lebens.

Neuerdings versuchen wir ja, diese Lücke zu überbrücken und auch unserer Arbeit „Purpose“ zu geben über den reinen Broterwerb hinaus. Aber gelingt uns das? Und wenn nein, warum nicht?

Selbst in der Arbeit tun wir uns ja schwer mit der Unterschiedlichkeit.

Eckig

Ich hatte einmal einen Mitarbeiter, den man nach vielen Maßstäben als „eckig“ bezeichnen würde. Sehr eckig. Ein Kettenraucher – damals ging das noch. Nach einem Besuch in seinem Büro musste die Kleidung erst mal in die Reinigung. Noch schlimmer aber war, dass man dieses Büro immer in dem Gefühl verließ, völlig ahnungslos zu sein. Nicht, weil man ahnungslos war, sondern weil er einem einfach dieses Gefühl vermittelte. Ich empfand das als echt unangenehm, besonders als noch junger Chef damals. Der Punkt aber war, dass er auf seine Art brillant war, dass er entgegen vielen Konventionen verstand, was unsere Kunden damals wirklich brauchten und dass er sein profundes Wissen dazu nutzen konnte, das auch noch möglich zu machen.

Am anderen Ende der Skala sind dann die Ruhigen, die Empfindsamen, die in unserer von Lautstärke schwerhörig gewordenen Welt unterzugehen drohen.

Des Menschenvermessers Spreadsheet

Und wie versuchen wir, mit dieser Vielfalt und Unterschiedlichkeit umzugehen? Wir pressen sie in ein Spreadsheet, in eine Tabelle. In die Zeilen schreiben wir die Kriterien, die ein Mensch in einer gewissen Rolle erfüllen soll, in den Spalten erfassen wir den vermeintlichen Grad der Erfüllung dieser Kriterien: Fremdsprachen, Programmierkenntnisse, Büroorganisation, Kommunikation, Motivation, Delegation, Innovation, Unternehmertum, Sozialkompetenz … . You name it. Für die einzelnen Kästchen in unserer Organisationsmatrix definieren wir einen Zielwert für jedes einzelne Kriterium und erfassen dann schließlich die Abweichungen zu diesem Zielwert. Einzeln zuerst und dann im Cluster oder im Durchschnitt.

Des Menschenvermessers Ideal ist dann die einzelne Kennzahl, die den Fit zwischen Rolle und Person quantifiziert. Nein, das Ideal sind genau zwei Kennzahlen, denn mit denen kann man die Welt so schön in vier Kästchen einteilen. Auf der einen Achse die Fähigkeiten, auf der anderen Achse das Potenzial. Links unten die, die die Anforderungen nicht erfüllen und kein Potenzial erkennen lassen. Rechts oben die Hochleisterinnen und Hochleister, die das Limit ihrer Einsetzbarkeit noch nicht erreicht haben. Links oben die, die zwar wenig zu können scheinen, aber noch Potenzial haben und rechts unten, die, die zwar etwas können aber wohl schon am Ende ihrer Entwicklung sind.

Auf den zweiten Blick sind alle Kategorien problematisch. Die links unten sowieso. In der Tradition von Jack Welsh gibt es für die Unglücklichen, die da landen, eigentlich nur eine Lösung. Aber mit den anderen Kästchen ist es kaum besser: rechts unten, die, die nichts mehr werden obwohl sie gut sind; links oben die, die zwar könnten, aber nichts können oder es zumindest nicht zeigen wollen; und rechts oben die, die eigentlich frustriert sein müssten, weil sie alles reißen und trotzdem nur ganz langsam etwas werden.

Zweidimensional

Viel schlimmer aber ist, dass wir auf diese Art und Weise Menschen reduzieren auf ihre Koordinaten in einem zweidimensionalen System, statt ihre Stärken und Schwächen als Teile eines Ganzen zu sehen und uns auf die Suche zu machen nach den Stärken, die wir noch nicht entdeckt haben oder den Blockaden, die wir noch nicht gefunden haben, um sie zu lösen. Sollte das nicht die wirklich noble Führungsaufgabe sein? Stattdessen über wir uns in der Reduzierung auf einen Holzschnitt, dessen Muster wir noch nicht einmal selbst definiert haben. Endgültig katastrophal wird es, wenn wir auch noch gezwungen werden, diese Menschen nach einer bestimmten Vorgabe auf jene Kästchen zu verteilen.

Das klingt jetzt ein wenig romantisch und ein wenig romantisch ist es auch. Normalerweise würde ich jetzt versuchen, noch den Bogen zu kriegen und das System nicht komplett zu verurteilen. Ich würde zum Beispiel schreiben, dass all das nicht heißt, dass es nicht Zeiten gäbe, in denen man sich ehrlich in die Augen schauen muss und Konsequenzen ziehen; sei es, weil es äußere Umstände gibt oder weil es einfach individuell nicht passt. Aber heute finde ich solch einen Weichmacher unangebracht. Es sollte immer darum gehen, den oder die oder das Ganze zu sehen und als solches zu würdigen.

Wir haben irgendwann angefangen, an alle unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Weihnachtskarten zu scheiben. Mit der Hand und mit einer Würdigung dessen, was sie oder ihn besonders macht. Das ist eine ziemlich anstrengende Übung, besonders wenn man so eine Pfeife im Kartenschreiben ist, wie ich. Aber es ist auch eine wunderbare Übung. Viel schöner und wahrer als diese schrecklichen Boxen, die man eh nur ankreuzt, um die richtigen Entwicklungsschritte zu ermöglichen oder wenigstens nicht zu verhindern.

Don't cry

Bevor dem geneigten Hörer dieses Podcasts nun aber die Tränen in die Augen treten ob so viel Menschlichkeit und Güte das Bekenntnis seines Verfassers, dass er trotz aller schönen Beispiele alles andere als ein Vorbild ist in dieser Hinsicht. Ich bin aufgewachsen mit Jack Welch’s „Stack Ranking“ System und habe lange, lange von diesem Notenblatt gesungen. Noch mehr aber: Es gibt schon mindestens eine Handvoll Menschen, bei denen ich mich fast bewusst sträube, dem eigenen Anspruch nach der Suche nach dem Ganzen gerecht zu werden. Menschen, die mich oder andere in meinen Augen so schlecht behandelt haben, dass ich sie in eine Schublade gesteckt habe, aus der ich sie gar nicht mehr herausholen möchte. Vielleicht erreiche ich einmal jenen Zustand innerer Ruhe und Weisheit, dass mir auch das gelingt. Ehrlich gesagt, bezweifle ich das aber.

Aber niemand ist perfekt und unser Reptilienhirn lässt sich auch nur begrenzt domestizieren. Unabhängig davon aber: Wäre es nicht eine schöne Idee, einen Teil des Potenzials, das uns der Sturm aufgezeigt hat, für den Versuch zu nutzen einmal genauer und tiefer hinzuschauen, wer die Kolleginnen und Kollegen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich sind, denen wir da täglich so begegnen? Es müssen ja nicht gleich alle sein, aber irgendwo kann man ja mal anfangen.

Vielleicht ein Vorsatz

So enden wir heute vielleicht mit einem Vorsatz bei “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität. Vielleicht auch nicht. Dann drehen wir das Rad einfach weiter.

Vielen Dank für’s Zuhören und eine nicht zu stürmische Woche! Wenn ihnen dieser Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn doch gerne weiter. Bis bis zum nächsten Mal!

 

Photo by Siora Photography on Unsplash

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