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Persönlichkeitstests

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität. Der Januar ist fast um. Es verbleiben nur noch knapp 92% dieses Jahres, um die Ernte einzufahren. Ich hoffe, der geneigte Hörer dieses Podcasts ist in dieser Hinsicht „on track“. Ein Teil dürfte sich reporting-mäßig auch noch im üblichen Jahresanfangs-Blindflug befinden. Aber auch das geht vorbei. Spätestens in Juli weiß man dann, was auf der Kostenstelle so wirklich los ist.

Zurück aus Davos

Ich hoffe auch, der geneigte Hörer dieses Podcasts ist gut zurück gekommen aus Davos. Wir Normalsterblichen konnten das Ganze ja aus der warmen Stube heraus verfolgen und mussten uns nicht zum Interview Schnee und Wind aussetzen. Aufregend fand ich es ja gerade nicht. Jeder lebt weiter in seiner Welt. Der Präsident hält eine Rede, die man auch auf jeder seiner Wahlkampfveranstaltungen hören kann. Einzig das Publikum ist da weniger zurückhaltend als jenes in der Schweiz. Greta muss versuchen, immer noch eins draufzulegen, kann aber nicht an ihren starken Auftritt vor der UN Vollversammlung anknüpfen. Und die drängendste Frage um Prinz Charles‘ Besuch ist, ob er sich zum Megxit äußert oder nicht. Ach ja, dann sind da ja noch die eine Billion Bäume. Die gute Nachricht ist – und ich freue mich sehr, sie hier verkünden zu dürfen – ich nehme auch an dieser Initiative teil. Ich werde in diesem Jahr mindestens einen Baum pflanzen! Hatte ich sowieso vor, kann aber sicher nicht schaden, das ein bisschen besser zu vermarkten.

Die ganze Veranstaltung hat wohl ihren Zenit hinter sich. Früher haben sich da die Reichen und Mächtigen getroffen, um in einer einmal ganz anderen Umgebung die Probleme der Welt oder wenigstens der Weltwirtschaft zu besprechen. Vielleicht passiert das immer noch in Davos. Vielleicht beim Abendessen oder nachts. Aber dazu brauchte es den ganzen Auftrieb nicht. Greta wird zu solchen Meetings eh nicht eingeladen werden. Meine persönliche Vermutung ist, dass man sich längst irgendwo und irgendwann anders trifft, um die wirklich wichtigen Gespräche zu führen. Nach Davos kommt man halt noch für seinen Rede-Slot, vielleicht ein Interview und dampft dann wieder ab. Die eigene Filterblase muss man dafür noch nicht einmal verlassen.

Uhps, was ist jetzt passiert? Das war die längste Vorrede ever zu diesem Podcast. Und sie hat noch nicht einmal mit dem Thema zu tun.

Heute geht es um Persönlichkeitstests.

Welcher Hauttyp sind Sie?

Schon als Kind konnte ich mich begeistern für diese Tests in – bevorzugt – Frauenzeitschriften. Ja, ich gebe es zu. Ich lese grundsätzlich alles: das Kleingedruckte auf dem WC-Reiniger, die Angaben über die Natriumkonzentration auf Mineralwasserflaschen, jede Art von Werbung, natürlich Bücher … und auch Frauenzeitschriften, wenn sie mir unter die Finger kommen.

Tests also: „Welcher Hauttyp sind Sie?“, „Sind Sie eher der Sommer- oder Wintertyp?“, „Morgenmensch oder Abendtyp?“. Heute darf’s auch gern etwas pikanter sein: „Welcher Typ sind Sie im Bett?“. Denken Sie sich irgendwas aus. So ein Test ist schnell hingezaubert. Man denkt sich eine Handvoll Fragen aus, z. B. „Ist Ihr Teint eher hell oder dunkel?“, „Ist Ihre Haut an manchen Stellen glänzend?“, „Neigen Sie zu trockenen Stellen an Händen und Gelenken?“, „Hatten Sie als Teenager Probleme mit Akne?“, „Essen Sie gerne Süßes?“. Das dauert ungefähr eine Minute pro Frage. Ich habe mitgestoppt. Dann braucht man noch ein Bewertungsschema. Der einfachste Weg ist die simple Dreipunkteskala: „gar nicht“, „manchmal“, „immer“, aber natürlich sind auch Varianten möglich. Gerne auch mal ein Farbcode oder Symbole. Persönlich finde ich das etwas umständlich. Ich tue mich einfach leichter, Punkte im Kopf zu addieren als „dreimal blau, einmal grün und gar kein rot“ im Kopf zu behalten, aber das ist eine Frage des Geschmacks und der Abwechslung. Schließlich die Auswertung und eine kleine Empfehlung: „Kaufen Sie das Produkt von … gegen trockene Haut und cremen Sie sich kräftig ein. Außerdem hilft Schlaf und Sport“. Die letzten beiden helfen grundsätzlich immer. Echt. Mit etwas Übung kriegt man so einen kompletten Test in zwei Stunden hin, wobei die meiste Zeit für das Layout draufgeht.

Meine Tochter studiert Psychologie. Von ihr habe ich gelernt, dass es Monate, ja Jahre dauern kann, einen validen und validierten Fragebogen zu entwickeln. Tja, „Frauenzeitschriften“ sagen Sie jetzt, aber denken Sie doch mal kurz an die letzte Mitarbeitermeinungsumfrage, die Sie ausgefüllt haben oder den Bogen, den Ihnen der Berater Ihrer Wahl zum Thema Innovationskraft in Ihrem Unternehmen zugeschickt hat. Aber so weit sind wir noch gar nicht. Es geht weiter um Psychologie.

Der introvertierte Intuitive

Weit nach meinen kindlichen Erfahrungen mit Brigitte-Fragebögen kamen „richtige“ Psychotests. Ich bin ein richtiger Fan – und das ist wirklich ehrlich gemeint und wenn der geneigte Hörer aufgrund seiner Erfahrungen mit diesem Podcast wenigstens eine Spur von Ironie vermutet, so liegt er an dieser Stelle falsch. Mein absoluter Favourite ist der Myers-Briggs-Type-Indicator, kurz: MBTI.

Der Test ist ein Mutter-Tochter-Projekt von Katherine Cook Briggs und Isabel Myers und basiert auf der Typologie von C. G. Jung, der darüber Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben hat. Er hat mindestens zwei Dinge mit seinen Verwandten in der Brigitte gemeinsam. Erstens, er ermittelt Typen. Nicht gerade Hauttypen, sondern Persönlichkeitstypen, aber nichtsdestotrotz Typen. Die Frage „welcher Typ bin ich?“ scheint von unerschöpflichem Interesse zu sein. Zweitens, er ist in der wissenschaftlichen Psychologie nicht anerkannt. Zwar haben Myers und Briggs schon ernsthaft versucht, ihren Test und seine Ergebnisse zu belegen, aber einer modernen Überprüfung hinsichtlich Zuverlässigkeit und sogar Reproduzierbarkeit hält der Test nicht stand.

Trotzdem ist der Test im englischsprachigen Raum sehr beliebt und fast jeder Unternehmensberater lernt, nicht nur sich, sondern auch seine Kundinnen und Kunden entsprechend zu typisieren. Ich würde nicht mit der Meyers-Briggs-Typisierungsbrille durch die Welt gehen, aber mein eigenes Profil finde ich, wie gesagt, lehrreich. Ich habe den Test auch in großen Abständen mehrmals gemacht und das Ergebnis ist immer das gleiche gewesen. Ich kann also auch hinsichtlich der Reproduzierbarkeit nicht klagen.

Ich bin also ein „INTP“, ein introvertierter, intuitiver, denkender (thinking) und wahrnehmender (perceptive) Typ. Im Gegensatz zum extravertierten, sensorischen, fühlenden und beurteilenden (judging) Typus.

Nun ja, die Wenigsten nehmen mir die Introversion ab. Ich kann ja auch anders; auf der Bühne oder im Gespräch. Der Punkt ist nur: das ist furchtbar anstrengend. Na ja, „furchtbar“ ist jetzt auch schon wieder nicht das richtige Wort, denn – abgesehen vom Lampenfieber – habe ich auch Spaß an der extravertierten Seite meines Ich. Aber es ist anstrengend. Ich muss meine Energiespeicher wieder mit etwas Introversion auftanken. Eine einsame Auto- oder Zugfahrt ist da gar nicht das Schlechteste, oder eine ruhige Laufrunde. Oder natürlich Schreiben oder Pod-casten.

Wir Introvertierten haben es schwer. Unsere Welt belohnt die Extravertierten. Oberflächliches gewinnt oft gegen still Reflektiertes, wenn es nur kraftvoll genug herausgeschleudert wird. Dabei haben Introvertierte viel zu bieten. Susan Cain hat darüber ein wunderbares Buch geschrieben: „Quiet: The Power of Introverts in a World That Can't Stop Talking“. Lesen Sie das Buch und ich höre auf, zu jammern. Ich habe genug Extraversion gelernt, um im Geplapper dieser Welt gehört zu werden.

Was mir tatsächlich mehr Schwierigkeiten zu machen scheint, ist meine intuitive Prägung. Intuitiv im Myers-Briggsschen Sinne bedeutet nicht unbedingt, dass man seine Entscheidungen gerne „aus dem Bauch heraus“ trifft, es bedeutet auch, dass man stets auf der Suche ist nach dem größeren Zusammenhang, der einem dann den Rahmen für die Intuition schafft. Das klingt zunächst großartig und ist auch kein schlechter Ansatz, wenn man Wissenschaftler oder Architekt ist oder werden will, aber es hat auch seine Schattenseiten. Erstens schafft es Kommunikationsprobleme. Die meisten von uns sind auf die deduktive Methode geeicht. A daraus folgt B, daraus folgt C und aus C folgt schließlich das Ergebnis. Natürlich gibt es auch für uns Intuitive keine Alternative zu dieser Methode. Wir schätzen und praktizieren Sie.

Aber wir fangen meistens am Ende an. Wir suchen ein Ergebnis, das in unser Bild von der Welt passt. Dieses Bild kann z. B. geprägt sein von Logik, Ästhetik oder auch Psychologie. Und dann arbeiten wir uns irgendwie rückwärts über C und B zu A, um dann von da aus dem deduktiven Weg folgen zu können. Manchmal verzichten wir dann schon mal ganz auf die Deduktion, wenn wir glauben, dass die Kette schon irgendwie passen wird. Das macht uns manchmal schwierig im Umgang. Wir können ungeduldig werden, wenn unser Gegenüber unseren Weg nicht gleich mitgehen möchte. Manchmal wirken wir ungenau, weil wir die Schritte von A nach C zu überspringen scheinen. Manchmal wirken wir stur. Und manchmal sind wir auch stur, wenn wir glauben, dass die Welt einem unserer Prinzipien folgt. Manchmal tut sie das aber nicht, bzw. sie folgt einem anderen Prinzip. Dann brauchen wir einige Zeit, um umzuschalten … . Natürlich hat die intuitive Prägung auch ihre Vorteile. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in einem deduktiven Random Walk von A über B zu C und so weiter schließlich zu einem sinnstiftenden Z kommt, ist eher gering.

Jetzt aber genug von mir und meiner introvertiert intuitiven Seelenwelt. Der entscheidende Punkt ist: auch wenn der MBTI wissenschaftlichen Ansprüchen nicht richtig genügt, so hat er mir geholfen, mich und die Welt besser zu verstehen. Aber ich habe mich ja auch durch den Brigitte-Test über den Hauttyp gearbeitet. Oder ist der MBTI vielleicht nur wieder ein Versuch meines intuitiven Ichs, eine Erklärung für die Welt zu finden? Der geneigte Hörer genießt den Zirkelschluss.

In search of strengths

Ein anderer Test, dem die wissenschaftliche Grundlage offenbar fehlt, der aber eine ziemliche Popularität gewonnen hat, ist der „Clifton Strengths Finder“, der vom Meinungsforschungsinstitut Gallup ziemlich heftig promoted wird. In vier Domänen, „Strategic Thinking“, „Relationship Building“, „Influencing“ und „Executing” werden 34 Themen abgefragt und daraus Stärkenprofile entwickelt. Gallup proklamiert, dass in Unternehmen, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Basis ihrer Stärkenprofile entwickeln, z. B. die Verkaufszahlen um bis zu 19% und der Ertrag um bis zu 29% höher sind als in anderen Unternehmen. Wie man das halbwegs solide herausfinden kann in einem Ozean von Parametern, denen ein Unternehmen unterliegt, ist mir persönlich schleierhaft, aber der Test ist ein Verkaufsschlager für Gallup. Am Ende ist es auch egal, denn wie gesagt, es scheint mir immer eine gute Idee zu sein, über die eigene Persönlichkeit, das eigene Verhalten zu reflektieren und dafür ist fast jeder Anlass recht.

Über eine, ja sogar die entscheidende, Prämisse, die dem Strengths Finder zugrunde liegt, musste ich aber bei der Vorbereitung dieses Podcasts nochmal nachdenken. Ich habe diese Annahme viele Jahre, ja vielleicht sogar Jahrzehnte einfach nachgeplappert und mutig vor mir hergetragen: Entscheidend sei, seine Stärken zu nutzen und auszubauen. An seinen Schwächen zu arbeiten sei vergleichsweise mühsam und von minderen Erfolgsaussichten geprägt. Die Gallup-Formel für Stärke ist: Stärke = Talent x Investment. Für Schwäche bietet man da nichts Vergleichbares an.

Wie gesagt, ich habe die introvertierte Phase der Vorbereitung dieses Podcasts genutzt, um nochmal über diese Annahme nachzudenken. Das Ergebnis: Erstens, das verkauft sich doch wunderbar. Vergiss Deine Schwächen, investiere in Deine Stärken! Nichts lieber als das! Zweitens, ich weiß nicht.

Was wäre mit einem adipösen Gesangstalent? Schöner singen, dafür früher sterben. Der Vergleich hinkt, weil Singen und Übergewicht wenig miteinander zu tun haben. Aber was ist mit einem Läufer, der z. B. seine Core-Muskeln vernachlässigt? Starke Waden, aber trotzdem das Potenzial nicht ausgeschöpft. Im Kernbereich des Strengths Finders ist es kaum besser. Ist man wirklich gut beraten, seine Innovationskraft noch weiter zu trainieren, wenn man andererseits eine Empathie-Niete ist? Oder noch mehr in Disziplin zu investieren, wenn man kommunikativ am Ende der Skala steht?

Ich weiß es wirklich nicht. Wenn es einer Organisation gelingt, die richtigen Plätze für jeden zu finden, wo Stärken genutzt werden und Schwächen nicht so ins Gewicht fallen, dann kann das funktionieren. Das ist dann Diversity in Perfektion. Aber das ist schon ein kompliziertes Verteilungsproblem. Und was passiert, wenn sich etwas ändert? Umgekehrt nützt natürlich auch ein Brei aus wenig ausgeprägten Stärken und halbwegs kompensierten Schwächen nichts.

Eingekuschelt in der Filterblase

Die gute Nachricht ist: Organisationen funktionieren sowieso selten so. Da werden wilde und weniger wilde Assessments gemacht, vom 360 Grad Feedback, das ich in die Kategorie „weniger wild“ einordnen würde bis hin zu beinahe tiefenpsychologischen Analysen unter Einsatz künstlicher Intelligenzen (wild!) und genutzt werden sie dann am Ende zu gar nichts, außer vielleicht zur Bestätigung des bestehenden Biases.

Hat jemand schon mal an einer Karriereentwicklungskonferenz teilgenommen, in der die Frage diskutiert wurde, wo der richtige Platz für den innovativen, aber empathielosen Manager wäre? Da hängt es vor allem von der Unternehmenskultur ab. Ist man „brutal“ innovativ, spielt die Empathie kaum eine Rolle. Legt man vor allem Wert auf Zusammenarbeit, hält man es schon eher laxer mit der Innovationskraft. Das Gesamturteil ist dann „das ist doch ein ‚Guter‘“ oder natürlich „eine ‚Gute‘“ und der oder die wird entsprechend gefördert oder auch eben nicht. Allein, was „gut“ ist, liegt im Auge des Betrachters.

Ich habe mehr als eine Führungskraft erlebt, die gesagt hat: „Personalentscheidungen treffe ich aus dem Bauch heraus. Und ich bin immer gut damit gefahren.“ Stimmt, denn erstens ist man selbst es, der mit den Konsequenzen leben muss. Und da arbeitet man doch lieber mit jemandem, mit dem „die Chemie stimmt“. Und zweitens ist da ja noch der Confirmation-Bias. Wenn man selbst die Entscheidung getroffen hat, dann muss schon viel passieren, bevor man sie in Frage stellt. „Man fährt also immer gut“ mit seinen Bauchentscheidungen. Man kommt damit natürlich auch nicht heraus aus der eigenen Filterblase. Aber das ist ein Thema für einen anderen Podcast.

Fassen wir also diesen Podcast kurz zusammen: Fast kein Persönlichkeitstest hält wissenschaftlichen Standards stand, erst recht nicht die, die sich am besten verkaufen. Trotzdem können sie ein schönes Medium sein, um über sich und andere nachzudenken. Das Ergebnis dieses Nachdenkens könnte auch eine neue Qualität liefern im Umgang mit Menschen in Unternehmen und Organisationen. Aber da bleiben wir doch meist gerne in unserer Filterblase eingekuschelt.

Die angesprochenen Tests und viele andere, wie z. B. den „Strengths Profiler“, den ich auch gelungen finde,  finden Sie übrigens im Internet für jeweils um die 30 €. Ich selbst gehe jetzt zum Kiosk und hole mir die aktuelle Brigitte. Mal sehen, was die zu bieten hat.

Vielen Dank für’s Zuhören bei “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität. Und wenn Sie Spaß an diesem Podcast haben, würde ich mich freuen, wenn Sie ihn weiterempfehlen.

 

Photo by Bret Kavanaugh on Unsplash

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