Hören Sie alle Episoden auf Apple Podcasts oder Stitcher ...

Corona-Kontemplation

Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität.

Lange habe ich mich gescheut, etwas über diese sogenannt „schwierige Zeit“ zu sagen. Man hat ohnehin das Gefühl, dass alles, was es zu besprechen gibt, mehr als ausführlich besprochen wird. Vor allem aber kommt einem angesichts einer solch epischen Krise das tägliche Mittelmaß und der normale Wahnsinn fast klein und bedeutungslos vor. Und vielleicht ist tatsächlich auch ein wenig davon weniger geworden in diesen Tagen.

Arbeiten im Corona-Modus zwingt uns zur Veränderung. Das so lange geübte Machtritual ist in der Videokonferenz einfach schlechter zu spielen als im Konferenzraum, wo schon die Sitzordnung das Gefälle vorgibt. Oder wir haben es einfach noch nicht geschafft, neue, videokonferenztaugliche Rituale einzuüben. Dazu kommt vielleicht tatsächlich eine Prise Besinnung auf das Wesentliche. Muss man wirklich einen ganzen Abend in mittelmäßig unterhaltsamer Gesellschaft opfern, um zwischen Hauptspeise und Nachtisch ein geschäftliches Anliegen anzusprechen? Oder ist es nicht eh besser, das direkt und zur Bürozeit zu tun und die Sache zu klären, statt das Netz zu werken? Ist der irgendwann einmal eher willkürlich festgelegte Termin wirklich wichtiger als die Zeit, die die Kinder bei der Begleitung ihrer Homeschooling-Aufgaben brauchen?

Der Mythos von der „Quality Time“ dürfte sich so nebenbei auch erledigt haben. Dreißig Minuten Happy Hour bevor die Kleinen einschlafen sind halt einfach nicht relevant im Vergleich zu einem ganzen Tag voller Höhen und Tiefen, egal wieviel Qualität man da reinzuquetschen versucht. Am Ende ist diese vermeintliche Qualität eh nur Show.

Ist die Unterschreitung der Umsatzprognose um ein paar Prozentpunkte relevant im Vergleich zum wirtschaftlichen Überlebenskampf der Bar, wo man so gerne seinen Kaffee eingenommen hat? Und warum sind die Ergebnisse, die man produziert, auch nicht schlechter, wenn man im T-Shirt vor dem Rechner sitzt statt in Hemd und Jackett? Von der Jogginghose unter der Schreibtischkante sprechen wir erst gar nicht.

Und dann gibt es da noch einen scheinbar trivialen Faktor, der aber vielleicht der wesentlichste überhaupt ist: Den berühmten Faktor Zeit.

Der Faktor Zeit

Zeit diesmal nicht im Sinne des knappsten aller Güter, das uns zwingt, unsere Semmel hastig zwischen zwei Terminen zwischen die Kiefer zu schieben oder jedes Mittagessen zum „Business-Lunch“ zu degenerieren. Nein: Zeit zum Nachdenken. Ich rede gar nicht über das Nachdenken über den Sinn des Lebens, obwohl das nicht schlecht zur angesprochenen Besinnung auf das Wesentliche passen würde. Ich rede auch nicht über die Zeit, die man vielleicht nutzen kann, um nachzudenken über die eigene Familie oder die eigenen Freunde. Ganz zu schweigen vom eigenen Leben!

Viel einfacher: ich rede über die Zeit, die man dem Nachdenken über die Arbeit widmet. „Ha“, werden da viele sagen, „ich denke doch sonst auch pausenlos nach über meine Arbeit“! Und wenn man die reine Menge betrachtet, dann haben sie wahrscheinlich recht. Da ist man acht oder zehn oder zwölf Stunden im Büro und natürlich ist man da vor allem mit Gedanken beschäftigt, die die Arbeit betreffen. Und auch auf dem Heimweg oder morgens unter der Dusche wird man diese Gedanken nicht los. Ich selbst hatte Zeiten, da bin ich mit dem Blackberry – ja, die Veteranen unter uns erinnern sich noch an diese Geräte – in der Hand aufgewacht und habe begonnen, die vermeintlichen Heere Mordors zu bekämpfen, noch bevor ich meine Rüstung aus Anzug und Krawatte angelegt hatte.

Aber wie steht es da mit der Qualität?

Ich behaupte, normalerweise verbringen wir diese Zeit vor allem mit Gedanken, die irgendwie „getriggert“ sind, wie meine Kinder sagen würden. Getriggert vom nächsten Termin, getriggert von der letzten Mail in unserer Inbox, getriggert vom Satz des Kollegen in der Besprechung, getriggert von der Zahl auf dem PowerPoint Slide, getriggert vom Stirnrunzeln unserer Chefin, bzw. unserer Interpretation, was dieses Stirnrunzeln bedeutet haben könnte. Getriggert von dem, was wir meinen, dass andere von uns erwarten: die Börse, der Aufsichtsrat, der Vorstand, die Chefin, Kolleginnen und Kollegen, Partner, Kinder, Bekannte und Unbekannte … .

Wann aber nehmen wir uns sonst mal eine Stunde oder zwei Zeit, wirklich nachzudenken über etwas? Ein Problem, das es zu lösen gibt, ein Ziel, das es zu definieren gilt, einen Menschen, dessen Weg wir beeinflussen? Zu oft verschieben wir dieses Nachdenken auf die Zeit, von der wir hoffen, nicht getriggert zu werden. Nur um dann irgendwann festzustellen, dass diese Zeit nicht kommt. Dann schieben wir die Lösung des Problems doch noch schnell zwischen zwei Trigger, bevor der Termin dafür verrinnt.

Der Corona-Modus nun gibt uns gerade diese Zeit. Wir laufen durch den Garten und wägen ein Problem, ein Anliegen, bis wir es für uns von vielen Seiten betrachtet haben. Vielleicht tauschen wir uns dann auch aus mit anderen, die das Problem genauso für sich gewogen haben. Dieser Austausch aber findet auf einer anderen Ebene statt als der kompetitive Denkwettbewerb parallel zur PowerPoint Präsentation, auf der Jagd nach dem Rundungsfehler; auf einer anderen Ebene, als wenn wir mäßig vorbereitet aber vorurteilsbeladen von einem Meeting ins andere rennen.

Auf der Suche nach Erkenntnis

Der Begriff, der mir dazu einfällt, ist „Kontemplation“.

Kontemplation beschreibt laut Wikipedia „das konzentrierte Betrachten auf der Suche nach Erkenntnis“. Wie oft machen wir das schon: etwas konzentriert betrachten, auf der Suche nach Erkenntnis?

Bekanntermaßen fängt es schon mit der Konzentration an. Da ist der nächste Termin, der nächste Anruf, oder wenigstens die nächste Mail, die eine Antwort fordert. Noch schwerer aber fällt uns gewöhnlich das Betrachten. „Betrachten“ ist nicht dasselbe wie „Bewerten“. Betrachten fängt an weit vor dem Kriterienkatalog, dem Bewertungsschema, den Harvey Balls oder der SWOT-Analyse. Und Betrachten ist ganz etwas anderes als jene Reflexe, die in Wahrheit am Ende so oft unsere Bewertung bestimmen. Statt zu betrachten, aktivieren wir gleich unsere Triggerpunkte: Passt das Ergebnis zu dem, was wir für, äh, „strategisch“ richtig halten? Können wir damit Gesichtsverluste vermeiden? Ist die Quelle der Frage eher dem freundlichen oder dem nicht so freundlichen Lager zuzuordnen? Werden durch dieses oder jenes Ergebnis die „Richtigen“ oder die „Falschen“ gestärkt? Selten „betrachten“ wir etwas von allen seinen Seiten, fragen uns, wie es sich kurzfristig und langfristig auswirkt, wie es sich vielleicht aus einer ganz anderen Perspektive ansieht oder anfühlt. Stattdessen suchen wir uns die Facetten aus, die in unser Schema passen, ein Schema übrigens, das selbst längst befreit ist von jeglicher „Betrachtung“.

Und wie schließlich halten wir es mit der „Suche nach Erkenntnis“? Ähnlich wie beim „Betrachten“ – oder „Nicht-Betrachten“, geht es nicht oft um „Erkenntnis“, oder? Eher geht es um „Bestätigung“, Bestätigung eines Vorurteils, Bestätigung einer früher getroffenen Entscheidung, Bestätigung der eigenen Person.

Und überhaupt, wer braucht schon „Erkenntnis“? Was gefragt ist, ist Aktion; -- schnelles, entschiedenes Handeln. Wer sich auf die Suche nach Erkenntnis begeben möchte, der tut das am besten in einem Kloster. Oder in einem Ashram. Tatsächlich macht man das heute auch so. Oder man hat es gemacht, als die Flieger noch flogen. Eine Woche meditieren im Schweigekloster, Ayurveda im Resort, Milch-Semmeln im Allgäu … und dann wieder frisch zurück ins Getümmel!

Da könnte das Virus sogar zur Chance werden. Zumindest für die von uns, die nicht mit zwei Kindern in einer Zweizimmerwohnung im Zentrum einer Großstadt Homeoffice, Homeschooling und Home-Kindergardening verzweifelt unter einen Hut bringen müssen. Der eigene Garten wird zur Stätte der Kontemplation und diese Kontemplation wird nicht abgeschottet vom Rest des Lebens, sondern integrales Element in Beruf und Privatem.

Au weh! – Ich spüre schon wieder, wie sich manchem Hörer die Härchen aufstellen. „Jetzt wird er komplett zum Sozialromantiker“, höre ich die innere Stimme. „Als nächstes sagt er auch noch: ‚der Weg ist das Ziel‘ oder ‚lebe Deinen Traum und träume nicht Dein Leben‘ …“.

Zurück in die Zukunft

Keine Sorge. Wir begeben uns schon wieder heraus aus unserem Shavasana. Öffnen Sie die Augen, strecken Sie Arme und Beine, rollen Sie auf die Seite und richten sich langsam wieder auf. Der Lockdown geht zu Ende. Wir feuern wieder mit „Wumms“ auf unsere bekannten Probleme. Schon beginnt sich der Schleier zu legen über unsere gemeinsam erfahrenen Corona-Monate, von denen unsere Kinder wahrscheinlich irgendwann ihren Kindern erzählen werden. Noch hoffen wir, dass wir etwas von dem Guten, das wir in dieser Zeit auch erfahren haben, hinübertragen werden in die Zeit „danach“. Und wie schön wäre es doch, wenn wir diesen Modus des konzentrierten Betrachtens, der Kontemplation, hinüberretten könnten in jene Zeit.

Ich bin da eher skeptisch. Was bleiben wird, ist die effizientere Nutzung von Office-Space. Und neue Lieferketten, in denen heimatnahe Roboter die Arbeit erledigen, die wir so mühsam „offgeshored“ haben über die letzten Jahrzehnte. Vielleicht auch eine kleine Beschleunigung der Schul-Digitalisierung. Und natürlich überall neue, kreuzungsfreie Laufwege.

Wie es aber um die Zukunft der Kontemplation bestimmt ist, weiß man nicht. Groß ist die Verführung des nächsten Triggers, der nächsten Mail, des nächsten Tweets, des nächsten Termins. Tief verankert sind Verhaltensweisen, Vorurteile und Rituale. Da machen ein paar Monate „Corona-Zeit“ keinen Unterschied. Oder vielleicht doch? Und wenn ja, wie? Darüber muss ich erst mal nachdenken …

Das war die neue Ausgabe von “Mittelmaß und Wahnsinn“, dem Podcast über den täglichen Spagat zwischen Anspruch und Wirklichkeit in unseren Unternehmen, über die immer weiter werdende Lücke zwischen Reden und Realität.

Vielen Dank für’s Zuhören! Bleiben Sie gesund und besonnen! Wenn ihnen dieser Podcast gefällt, empfehlen Sie ihn weiter. Bis zum nächsten Mal!

 

Photo by Matthew Henry on Unsplash

Mehr zu "Mittelmaß und Wahnsinn":

Oder direkt bei

Spread the word. Share this post!